Für die einen ist es der Rückzug des neoliberalen Staates aus seiner Verantwortung, für die anderen eine logische und nicht aufzuhaltende Entwicklung: Die Erledigung von sozialen Aufgabenstellungen durch Sozialunternehmen. Dass die Wahrheit sehr wahrscheinlich irgendwo in der Mitte liegt, konnten mehr als 170 BesucherInnen beim diesjährigen WUK Bildungs- und Beratungstag zum Thema „Social Business“ erfahren.
Sozialunternehmen (Social Business) sind Unternehmen mit einem gesellschaftlichen, gemeinnützigen Ziel, deren Gewinne größtenteils wieder investiert werden. Ihre Organisationsstruktur und die Eigentumsverhältnisse sind dem Sinn und Zweck des Unternehmens angepasst.
Dass Sozialunternehmen mittlerweile ein bedeutender Wirtschaftsfaktor sind, machte Regina Senarclens de Grancy in ihrem Referat deutlich. 11 Mio. Menschen, das sind 6% der europäischen Erwerbsbevölkerung, arbeiten in der EU in Sozialunternehmen. Ihr Stellenwert ist aber in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich. Vor allem in Ländern, in denen die Staatsausgaben wegen der Finanzkrise drastisch reduziert wurden, übernehmen immer mehr Unternehmen gesellschaftliche Aufgaben – immer öfter auch über „soziale Banken“ von privaten „InvestorInnen“ finanziert.
In Österreich übernimmt der Staat nach wie vor den größten Teil der sozialen Aufgaben. Der gut etablierte Sozialstaat gibt bedürftigen Menschen sowie auch den Erbringern sozialer Dienstleistungen eine gewisse Sicherheit. Innovative Lösungsansätze allerdings müssen in seinen Strukturen oft lange auf ihre Umsetzung warten. Gabriele Gottwald Nathaniel beschrieb in ihrem Vortrag die über 10 Jahre andauernde Entwicklung von Gabarage vom innovativen EU-Projekt zum Social Business.
Andreas Keplinger und Stephan Dorfmeister stellten in ihrem Vortrag das aus Dänemark stammende gewinnorientierte IT Dienstleistungsunternehmen Specialisterne vor. Das in mittlerweile zehn Ländern tätige Social Business nützt besondere Fähigkeiten von Menschen mit Autismus als Wettbewerbsvorteil. Durch die entsprechende Gestaltung der Rahmenbedingungen und mit individuellen Förderprogrammen bereiten sozial-kommunikative Hemmnisse weniger Schwierigkeiten. Der Verein Specialisterne Österreich und das WUK wollen das erfolgreiche Geschäftsmodell aus Dänemark für österreichische Verhältnisse adaptieren und umsetzen.
Darüber, dass diese „österreichischen Verhältnisse“ mit jenen in Dänemark nicht vergleichbar sind, waren sich die DiskutantInnen am Podium und aus dem Publikum schnell einig. Budget- und Förderstrukturen machen die Umsetzung von innovativen Social Business Modellen in Österreich sehr schwierig. Vom viel zitierten „Kastldenken“, das den Fortschritt verhindere, war hier die Rede. Dass sich Staaten wie Dänemark durch die Unterstützung von Sozialunternehmen aber letztlich viel ersparen, rechnete Autistenhilfe-Präsidentin Jutta Steidl vor: Wenn nur drei von 20 unterstützen Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung einen Arbeitsplatz in der freien Wirtschaft finden, profitiert der Staat bereits finanziell.
Mehr Flexibilität und weniger Bürokratie bei staatlichen Förderungen um zukunftsfähigen Modellen den Weg zu ebnen, lautete der Appell an Politik und Verwaltung, der nicht ungehört verhallte: Gemeinderätin und Landtagsabgeordnete Tanja Wehsely, Mario Jursitzky vom Bundessozialamt und Mario Danler vom AMS Niederösterreich nahmen mit großem Interesse an der Veranstaltung teil.